Illustration in Israel. Ein Interview mit Orit Bergmann und Merav Salomon

Von Felix Scheinberger 08. Februar 2010 Kommentare 0

Illustration spielt in Israel eine so große Rolle, dass das Israel Museum - das größte und wichtigste Museum des Landes – nicht nur eine eigene Sammlung für Illustration unterhält, sondern eigens für Kinder- und Jugendbuchillustration einen Preis vergibt.

Felix Scheinberger, unser Korrespondent vor Ort, hat mit zwei der bedeutendsten Illustratorinnen Israels gesprochen. Merav Salomon, Leiterin des Illustrations-Departments an der Bezalel Akademie und Orit Bergman, diesjährige Preisträgerin des Ben Zitzhak Awards des Israel Museums beantworten hier für Freistil-online Fragen zu Identität, Politik und Internet.

Wann und warum habt Ihr beschlossen, Illustratoren zu werden?

O: Ich wollte schon immer Illustratorin werden. Als ich mein Studium an der Bezalel Academy of Arts and Design abgeschlossen habe, habe ich gleich damit angefangen, als freiberufliche Illustratorin zu arbeiten. Gleichzeitig habe ich auch einen Brotberuf bei einer Internetfirma aufgenommen, um die Miete zu bezahlen. Mit der Zeit nahm mich dieser Brotberuf allerdings immer mehr in Beschlag und schließlich habe ich dort für acht Jahre als Art Direktorin gearbeitet.

Als die Internetblase geplatzt ist, habe ich entschieden, mich wieder der Illustration zuzuwenden – dieses Mal aber als richtigen Beruf. Auch wenn die Internetfirma finanziell sicherlich Vorteile hatte, habe ich für mich gemerkt, dass Illustratorin der perfekte Beruf ist – mit viel mehr Freiheit und unendlichen Möglichkeiten, mich weiterzuentwickeln.

M: Als Kind schon habe ich immer zwei Sachen gemacht: gezeichnet oder gemalt und Geschichten erzählt. Ich war mit der Realität, wie sie sich mir präsentierte, unzufrieden und so habe ich ihr einfach weiteres hinzugefügt. Als ich heranwuchs, entwickelte sich immer mehr das Interesse, meine Geschichten visuell zu transportieren. Ich habe an der Bezalel Academy of Arts and Design, an der ich Leiterin der Illustrationsabteilung bin, dann visuelle Kommunikation studiert. Das war im Jahr 1989 und die Bezalel Academy war die einzige akademische Institution in Israel, an der man einen Abschluss in visueller Kommunikation erwerben konnte. Während der vier Jahre meines Studiums habe ich mich in die unterschiedlichsten Felder vertieft und habe dabei gemerkt, dass meine Leidenschaft die Illustration ist, dass ich mit der Illustration Geschichten erzählen möchte. Das ist nun das, was ich tue – und es ist das, was ich bin: Illustratorin ist nicht mein Beruf, es ist meine Berufung – eine Art zu leben, ein großer Teil meiner Identität.

Ich bin glücklich und stolz, Illustratorin zu sein. Jedes Projekt ist eine neue Gelegenheit, Geschichten zu erzählen, das Leben aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Illustratorin zu sein bedeutet für mich, die Freiheit zu haben, viele andere Identitäten anzunehmen: Ich kann Hundeexperte, Friseurin, Architektin oder Köchin sein und das alles, ohne meinen Illustrationstisch zu verlassen.

Wie schätzt Ihr die Situation für Illustration in Israel ein? Wie ist der Markt?

O: Der israelische Markt ist sehr klein und es gibt in diesem vergleichsweise kleinen Markt sehr viele gute Illustratoren. Um als Illustrator leben zu können, muss man für alle möglichen Bereiche arbeiten und sich zur Not auch Arbeit selbst schaffen. Ich arbeite beispielsweise nicht nur an Auftragsarbeiten, sondern schreibe selbst Kinderbücher und Theaterstücke, zu denen ich dann die Requisiten entwerfe.

Aber ganz abgesehen davon hat Israel als Land die Besonderheit, dass die meisten Israelis mehrsprachig sind. Das führt auch dazu, dass man sich beispielsweise gut auf dem amerikanischen Markt bewegen kann.

M: Israel ist mit nur 7 Millionen Einwohnern ein sehr kleines Land. Das bedeutet, dass der heimische Markt für hebräischsprachige Bücher sehr begrenzte Möglichkeiten zu bieten hat. Mit dem Internet hat sich allerdings die Situation für israelische Illustratoren gewandelt: Es ist uns inzwischen möglich, fremde Märkte zu erschließen. Israel ist ein sehr besonderes Land – ein sehr junges Land. Als unabhängige Demokratie existiert der Staat Israel nun seit knapp 60 Jahren. Israels Gesellschaft wurde von Zuwanderern erbaut, und von den Palästinensern natürlich, die hier schon seit Generationen leben. Es ist eine einmalige multikulturelle junge Gesellschaft, die es beispielsweise in einem beinahe schon wundersamen Prozess geschafft hat, eine tote sakrale Sprache in eine moderne säkulare Alltagssprache zu verwandeln.

Es ist wichtig, solche Dinge im Blick zu haben, damit man versteht, wie jung und nicht zuletzt auch wie modern die israelische Kultur ist. Die visuelle Tradition ist natürlich ein wesentlicher Bestandteil dieser jungen Kultur. Man muss diesen Hintergrund aber auch aus einem anderen Grund berücksichtigen: israelische Illustration ist in allen Bereichen – vom Kinderbuch zum Editorial Bereich – durch viele unterschiedliche Traditionen geprägt. Die Illustrationsszene im heutigen Israel ist voll von Kreativität, Innovation und Ambition. Das Internet rückt die Welt immer näher zusammen und ich habe den Eindruck, dass die israelische Illustration immer mehr Anerkennung erfährt.

Ich sehe bei euch beiden Einflüsse und Interessen aus Europa, besonders aus Deutschland. Merav illustriert z.B. zur Zeit Hoffmanns »Struwwelpeter« und hat ein Graphic Novel über eine Reise nach Deutschland illustriert. Welches Bild habt Ihr heute von Deutschland, und in wieweit hat die deutsche Geschichte eure künstlerische Entwicklung beeinflusst?

O: Ich fühle mich einem europäischen Stil sehr viel näher als dem amerikanischen. Das hat etwas mit meiner persönlichen Entwicklung zu tun, aber eben auch mit der Entwicklung der israelischen Illustration. Da Israel noch ein junger Staat ist und es im Judentum keine starke illustrative Tradition gibt, musste im säkularen Staat Israel eine solche Tradition erst einmal erschaffen werden.

M: Meine Großeltern sind Zuwanderer aus Europa. Ich wurde 20 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren. Der Hauptteil meiner Familie lebte vor dem Krieg in Europa und wurde im Holocaust ermordet. Mein Großvater wurde in Berlin geboren. Ich wuchs in einem Haushalt auf, in dem polnisch und deutsch gesprochen wurden. Die deutsche Kultur ist Teil meiner eigenen Kultur.

»Struwwelpeter« ist beispielsweise Teil meiner Kindheit und auch der Kindheit meiner Töchter. Ich lebe dazu in Tel Aviv – einem Zentrum der Bauhaus-Architektur. Daher ist es für mich ganz normal, dass ich von der Europäischen Kultur im Allgemeinen und besonders von der deutschen Kultur geprägt bin. Durch die enge Verbindung beider Länder sind deutsche Illustratoren in Israel auch sehr bekannt und werden von israelischen Künstlern respektiert. Ich wurde beispielsweise auch durch Künstler wie Wolf Erlbruch oder Anke Feuchtenberger inspiriert.

In den letzten Jahren – besonders nach meiner Familienreise nach Berlin – habe ich mich noch stärker mit meinen deutschen Wurzeln beschäftigt – ganz abgesehen vom Holocaust, der mich täglich qualvoll begleitet. Mein Buch »Eine Familienreise nach Berlin«, spiegelt das gut wider: In schwarz-weißen Graphitzeichnungen habe ich die Spannung aufgezeigt zwischen dem Besuch in Berlin als Touristin und dem Besuch in Berlin als Teil einer Suche nach einem wesentlichen Teil meiner Identität. Dass das Buch auch in Deutschland erschienen ist, schließt für mich den Kreis.

Das Struwwelpeter-Projekt ist etwas anderes: Ich habe hier in Acrylfarben gearbeitet und die hebräische – übrigens stark bearbeitete und zensierte – Übersetzung der Hoffmans Erzählungen illustriert. Es ist aber auch eine persönliche Reise gewesen, die mich zurückgeführt hat zu der Erinnerung an meine Großmutter, die mir diese Geschichten zum Einschlafen vorgelesen hat. Durch meine Arbeit an der Bezalel Academy of Arts and Design ist es mir zudem möglich, mich mit deutschen Künstlern auszutauschen und der Dialog zwischen unseren Kulturen inspiriert meine Arbeit.

Fühlt Ihr euch als israelische Illustratoren oder als jüdische Illustratoren?

O: Ich bin eine nichtreligiöse Jüdin. Jüdische Themen finden sich sehr selten in meinen Arbeiten wieder. Ich bilde die Welt ab, die mir täglich begegnet. Ich bin in Jerusalem geboren worden und dort auch aufgewachsen – in dieser alten Stadt mit seiner einmaligen Geschichte. Durch die vielen Kulturen, die sich in Jerusalem begegnen, hatten diese alle einen gewissen Einfluss auf meine Arbeit, und das sieht man auch. Dadurch sind meine Illustrationen immer auch israelische Illustrationen – nicht jüdische.

M: Die Frage nach meiner religiösen Identität stellt sich mir in Israel nicht, die Frage taucht eher im Ausland auf. Im Ausland fühle ich mich sehr stark als Israelin. Meine religiöse Identität sehe ich allerdings nicht als relevantes Thema, wenn ich über meine Kunst und mein professionelles Wirken nachdenke.

In Israel spielt Politik eine wichtige Rolle. Beeinflusst das eure Themen?

O: Ich behandle politische Themen zwar nicht explizit in meinen Arbeiten, aber man kann hier der Politik schlicht und ergreifend nicht entfliehen – das beginnt schon bei der Auswahl der Farbe der Gesichter, die ich für ein Modemagazin illustriere. Aber natürlich hat meine Arbeit auch eine politische Dimension: Im vergangenen Sommer habe ich die Requisite für ein Theaterstück entwickelt. Das Stück heißt »K« und basiert auf Kafkas Kurzerzählungen.

Dieses Stück wurde in einem Gefängnis aufgeführt, das während der Zeit des Völkerbundmandats für Palästina gebaut wurde. Sowohl bei der Requisite als auch bei der Gestaltung des Plakats für die Aufführung wollte ich mich mit dem Tod beschäftigen, mit der Unsicherheit des Lebens, der Grausamkeit der Massen und der Lücke zwischen Realität und Darstellung. Der Ort war hierfür natürlich sehr wichtig. Eines der Plakate hat im Übrigen die Silbermedaille der Illustratorengesellschaft in New York gewonnen.

M: Politik ist in jeder Alltagsunterhaltung in Israel zentral. Politik ist für uns nichts abstraktes, nichts theoretisches, sondern etwas, das spürbar unseren Alltag beeinflusst. Politik entscheidet letztlich, ob meine Töchter sicher von der Schule nachhause kommen, es beeinflusst ebenso die Atmosphäre in der gesamten Region nach Jahren der Besatzung und Unterdrückung. Politik spielt bei allem eine Rolle – beeinflusst meine Prioritäten und Entscheidungen. Ich habe sowohl die israelische als auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Meine Entscheidung, in Israel zu leben, hier meine Familie zu haben und meine Kinder aufzuziehen, ist auch eine politische Entscheidung.

Glaubt Ihr, dass Eure Arbeit den Friedensprozess voran bringen kann, und glaubt Ihr, dass Illustration im Allgemeinen hilfreich sein kann?

O: Ich unterstütze den Friedensprozess. Beispielsweise organisiere ich Brieffreundschaften zwischen der Schulklasse meiner Kinder und einer christlich arabischen Schulklasse in Ostjerusalem. Dieses Jahr haben sich die Kinder gegenseitig in der Schule besucht.

Ich glaube, dass meine Überzeugungen sich auch in meinen Illustrationen und in meinem Schreiben abbilden: In meinem letzten Buch ist die Hauptfigur eine Hyäne, die unbedingt auch mit den Waldtieren leben möchte – sie wird von diesen Tieren aber abgewiesen. Schließlich wird die Hyäne durch Kunst angenommen.

Kunst hat eine große Wirkmacht und sie kann persönliche Veränderung herbeiführen. Allerdings ist die Kunst in unserer komplizierten Lage eher eine leise Stimme.

M: Immer, wenn ich die Möglichkeit habe eine Illustration für einen guten Zweck herzugeben, tue ich das sehr gern. Das kann bei Auktionen sein, bei denen die Einnahmen an entsprechende Einrichtungen gehen, oder auch – wie jetzt – mit einem Konversationsbuch, das ich für eine Non-Profit-Organisation illustriert habe.

Ich denke, dass jeder das tun sollte, was er kann, um einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft zu haben.

Woran arbeitet Ihr im Augenblick?

O: Ich unterrichte Illustration an der Bezalel Academy of Arts and Design und als freischaffende Illustratorin. Ich arbeite derzeit an einem Kinderbuch, das »Rotes Meer Tagebuch« heißen wird. Es ist eine Geschichte, die auf meinen Erfahrungen bei einer wissenschaftlichen Meereswarte basiert. Von der Beobachtung des reichen Meereslebens bis hin zur Pflege von verletzten Tieren. Das Buch wird mehr als 100 Illustrationen haben, und ich hoffe, dass ich es dieses Jahr werde beenden können.

M: Neben meiner Arbeit an der Bezalel Academy of Arts and Design arbeite ich als freischaffende Illustratorin. Ich habe ein Studio in Tel Aviv, nicht weit von meiner Wohnung entfernt – in einem Haus, in dem es viele Studios und Workshops gibt.

Derzeit arbeite ich an einem Buch, das »Das große Buch der Ängste« heißen wird; gleichzeitig arbeite ich auch parallel an verschiedenen Kinderbüchern. Mein letztes Buch »Dazy Skeleton's day at the beach« wurde gerade in den USA veröffentlicht und »Eine Familienreise nach Berlin« ist im Verlagshaus J.Frank Berlin erschienen.

www.oritbergman.com www.meravsalomon.com

(Abbildungen: 1-4 Merav Salomon »Struwwelpeter«, 5-8 »Eine Familienreise nach Berlin«, 9-11 Orit Bergman)