Illlustratorin vor Gericht

Pascal Staub, 1. Februar 2010

Angela Zwahlen arbeitet als Gerichtszeichnerin. Ihre Zeichnungen erscheinen in Zeitungen und Reportagen oft als einziges Bildmaterial zu Prozessen, in denen sich Verbrecher und Gesetz gegenüberstehen. Für Freistil-online erzählt sie von ihrer unkonventionellen Arbeit und dem unbekannten Alltag im Gerichtssaal. Ein spannendes und etwas längeres Interview, das zu lesen sich aber absolut lohnt.

Wie bist du Gerichtzeichnerin geworden?

Mein erster grosser Prozess, bei dem ich die Angeklagten, das Gericht und die Verteidiger im Gerichtssaal zeichnen konnte, war 1999, beim Prozess von Werner K. Rey. Ich war damals schon als Illustratorin tätig für Werbeagenturen, Zeitschriften, Zeitungen, Grafikateliers etc. und suchte nach weiteren Betätigungsfeldern. Ich wurde in den Nachrichten darauf aufmerksam gemacht, dass in den kommenden Tagen der Prozess gegen W. K. Rey beginnen würde, worauf ich mich bei einer Tageszeitung meldete, und ihnen vorschlug, mich doch als Zeichnerin zu engagieren. Sie schickten mich dann einige Tage später probehalber als ihre Gerichtszeichnerin zu diesem Prozess.

Von wem wirst Du aufgeboten?

Es ist dieselbe Tageszeitung geblieben, welche mich anfragt. Einige Male konnte ich stellvertretend für einen anderen Illustrator, fürs Schweizer Fernsehen arbeiten. Solche Prozesse finden aber sehr selten statt — ich werde höchstens zweimal pro Jahr angefragt, um ans Gericht zeichnen zu gehen. Es findet auch nur bei grossen Prozessen eine Berichterstattung statt. Es sind dann jeweils die Journalisten, die mich anrufen und mir am Prozesstag mitteilen, ob ich nur den Angeklagten, oder auch deren Verteidiger, oder auch noch das ganze Gericht zeichnen soll. Am Schluss eines Prozesstages händige ich dem Journalisten die Originale aus. Ich kann also keine Korrekturen mehr im Atelier machen, kann nichts nochmals überarbeiten. Alles muss am Prozesstag sitzen.

Bereitest du dich auf deinen Einsatz vor? Wie sieht dein Arbeitsprozess aus?

Meist recherchiere ich vorher, worum es bei dem Prozess überhaupt geht, damit ich im Vorfeld bereits weiss, womit und mit wem ich es zu tun haben werde.

Zeichnerisch bereite ich mich am Tag vorher kurz vor, indem ich 1-2 schnelle Porträts von Freunden mache, damit der Strich sitzt. Und dann muss ich am Prozesstag fit sein, dh. genug Schlaf sollte ich unbedingt haben.

Beinflusst die Stimmung im Gerichtssahl, oder die Art des Verbrechens deine Zeichnungen, oder deine Zeichnungsfähigkeit?

Ja, die Stimmung beeinflusst mich sehr stark. Meist handelt es sich um Gewaltverbrechen, die Angeklagten sind fast ausnahmslos jung, ihre Geschichten tönen grausam, traurig, brutal, dumm ...

Gleichzeitig bin ich immer auch berührt durch die deprimierenden Hintergründe der Täter, durch die Geschichten ihrer Kindheit und Jugend, wo meist immer alles schon von Anfang an schief lief. Und ich stelle mir auch oft deren Zukunft vor, die unmittelbare, die nächsten Jahre im Gefängnis, aber auch die danach.

Der ganze Prozess findet andererseits aber in einem ganz prosaischen Umfeld statt — es hat überhaupt keine Ähnlichkeit mit Gerichtsprozessen, wie wir sie aus dem Film kennen: rein durch die Langsamkeit des ganzen Prozesses, durch Nachfragen des Richters, durch wiederholtes Antworten des Angeklagten etc., bekommt der ganze Ablauf etwas sehr zähes. Ausserdem fehlen im Vergleich zum Prozess im Film, im realen Prozess natürlich die spannenden Schnittfolgen, die kontrastreiche Lichtstimmung, das Interieur eines altehrwürdigen Gerichtsaals (denn die heutigen Gerichtsäle sind relativ schmucklos).

Die Stimmung an den Prozessen ist also gleichzeitig sehr tragisch und alltäglich: es gibt eine Zigaretten- und Kaffeepause, und natürlich eine Mittagspause. Da das Gericht in der Nähe eines Rummelplatzes liegt, hört man manchmal vergnügtes Gekreische und Rambazamba-Musik, welches sich über die Verbrechen im Gerichtssaal legt. So liegen Alltag und Tragik nahe nebeneinander.

Ich sehe mich, ähnlich dem Journalisten, als jemand, der die Aufgabe hat zu dokumentieren und zu informieren. Ich will mich nicht von meinen Gefühlen so stark beeinflussen lassen, dass meine Funktion, die ich an den Prozessen innehabe, darunter leidet. Manchmal merke ich aber, dass starke Gefühle aufkommen, wenn ich den Geständnissen und genauen Schilderungen der Täter zuhöre: Entsetzen, Trauer und Ekel.

Unterdessen reagiere ich sehr rasch und stopfe mir meine mitgebrachten Oropax in meine Ohren, damit ich konzentriert weiterarbeiten kann ...

Wird man als Gerichtszeichnerin von den Anwesenden wahrgenommen?

Das ist unterschiedlich. Vom Richter, den Verteidigern, der Polizei und den Besuchern natürlich. Aber ich glaube, dass mich nicht alle Angeklagten sehr bewusst wahrnehmen. Oft haben sie auch genug mit dem Beantworten der Fragen, mit ihrer Nervosität und dem ganzen Prozess an sich zu tun. Ich habe aber auch schon bemerkt, dass ein paar Angeklagte es überhaupt nicht schätzten, dass ich sie zeichnete. Einer, der gerade nicht im Rampenlicht auf der Anklagebank, sondern etwas weiter hinten sass, fing dann an, mich abzuzeichnen. Das war ein Moment, wo ich am liebsten rausgelaufen wäre.

Sitzt du an einem speziellen Ort während des Prozesses?

Ja, ich sitze seitlich vorne, gleich neben dem Gericht, auf der Höhe des oder der Angeklagten, in 3 bis 4 Metern Entfernung. Manchmal habe ich Glück und kann mit meinem Stuhl so weit nach vorne rücken, dass ich dem Angeklagten ins Gesicht blicken kann. Meist bin ich aber zu weit hinten und ich schaffe einfach nur das Profil. Manchmal ist ein Gerichtssaal gross genug, so dass für mich ein kleines Tischchen bereit steht, meist ist das aber nicht der Fall und ich zeichne einfach auf den Knien.

Gibt es Tabus für eine Gerichtszeichnerin?

Ja. Sehr oft werden die Angeklagten von Polizisten bewacht, die gleich neben oder hinter ihnen sitzen. Als ich das erste Mal einen Polizisten im Hintergrund abzuzeichnen begann, bemerkte ich, wie unangenehm ihm das war. Natürlich will kein Polizist seinem Konterfei anderntags in der Tagespresse begegnen.

Andererseits macht es wirklich Spass, die Hüter im Hintergrund zu zeichnen, mit ihrer Uniform, den Knöpfen, Schulterklappen und Abzeichen ... deshalb entschloss ich mich,
aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes, jeweils die Gesichter der Polizisten auszusparen.

Sind deine Zeichnungen beeinflusst von anderen (Gerichts-) Zeichnern/Illustratoren?

Nein, überhaupt nicht. Da ich sehr früh und sehr viel porträtierte, hat sich mit der Zeit meine eigene zeichnerische Handschrift herausgeschält. Man braucht nur sehr selbstvergessen jeden Tag mehrere Stunden zu zeichnen, dann zeigt sich die eigene zeichnerische Eigenart über kurz oder lang eigentlich von selbst.

Kontakt Angela Zwahlen: angela@soio.ch

Kommentare

sehr schoene zeichnungen.

sehr schoene zeichnungen.

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.

Weitere Informationen über Formatierungsoptionen

By submitting this form, you accept the Mollom privacy policy.