3 Fragen an: Schwarwel

Von Raban Ruddigkeit 08. Januar 2010 Kommentare 0

»Mein Name ist Gott. James Gott.« Als ich vor nunmehr 25 Jahren diese Zeilen las, war es auch um mich geschehen. Seither bin ich ein Fan von Schweinevogel, Swampie und Co. Ihr Schöpfer und Zeichner Thomas »Schwarwel« Meitsch hat 2009 einen Trickfilm fertiggestellt – der beste Anlass für ein Interview.

Seit mehr als 20 Jahren zeichnest du mehr oder weniger regelmäßig Comics mit dem Hauptcharakter »Schweinevogel«. Es gibt Fanclubs, Abdrucke in Zeitungen und Zeitschriften. Wie kam es, dass gerade jetzt der nahezu abendfüllende Trickfilm entstanden ist?

Den Traum, einen Trickfilm mit Schweinevogel zu machen, gabs schon ewig.
Einen ersten ernsthaften Versuch in diese Richtung unternahm ich 1993 mit meinem damaligen Kompagnon und dessen Berliner Grafikfirma DGA, für die ich als Grafiker, AD und CD arbeitete. Damals sind wir jedoch schon an der einer der ersten Hürden - der Kapitalbeschaffung - gestrauchelt und nicht wieder aufgestanden.

Im Nachhinein war das auch sehr gut so, denn weder die Figuren noch ihre Welt waren schon so weit, um einen Trickfilm oder gar eine Serie zu rechtfertigen (der Beweis in Form des damaligen Storyboards befindet sich in einem Sammelband, der dieses Jahr erscheint).

Als wir uns mit unserer Firma Glücklicher Montag 2006 geschäftlich neu ausgerichtet haben - mehr Mehrwert, weniger Blödsinn - stand Schweinevogel wieder drohend im Raum und hat darauf aufmerksam gemacht, dass da noch eine Rechnung offen war, da ich ihn und seine Knuddelkumpels nach der Einstellung unseres Comicverlages EEE 2003 sträflich vernachlässigt hatte.

Das erste Treffen zum Filmprojekt mit der Mitteldeutschen Medienförderung war sehr positiv, weil wir in unserer Bearbeiterin einen Fan und somit einen guten Lobbyisten hatten, und zwei Wochen später hatte ich ein paar Story-Drafts geschrieben, die wir in die interne Auswahl für den Kurzfilm nahmen.

Als wir uns schliesslich durch die Anträge auf Fördergeld geätzt hatten und eine Zusage bekamen, gabs kein Zurück mehr, da somit nicht nur eine Ehrenschuld gegenüber sich selbst, sondern auch eine Bringschuld gegenüber einem Partner entstanden war. Das braucht man bei langjährigen Projekten wie so einem Trickfilm auf jeden Fall, denn die Motivation weiter zu machen braucht über drei Jahre immer wieder seeehr kräftige Schübe. Oder Tritte.

Und hat man das überstanden und der Film ist im Kasten – hach, besser als Sex. Und die Befriedigung und tatsächliche Erhöhung des Selbstwertes hält länger an. Um es mit Kubrick zu sagen: »Schmerz ist vergänglich, Film ist für die Ewigkeit.«

Du hast den Film in deinem Büro »Glücklicher Montag« selbst hergestellt und nicht auf vorhandene Infrastrukturen zurückgegriffen. Hat sich das gelohnt und wie würdest du deine Erfahrungen beschreiben?

Pfff ... von den Erfahrungen der letzten drei Jahre können wir noch sehr lange zehren.
Einfach ausgedrückt: Wenn du die Psyche der Menschen in all ihren Tiefen ausloten willst, mach einen Trickfilm mit ihnen - or die trying!

Auf die vorhandenen Infrastrukturen haben wir jedoch nicht ganz verzichtet. Mit MotionWorks aus Halle - die etwa 5 min reine Animation erstellt haben - hatten wir uns die größte deutsche Trickfilmfirma als einen Subunternehmer ins Boot geholt, die Hälfte der Sprecher wie Tim Sander (GZSZ), Santiago Ziesmer (SpongeBob) und Detlev Buck (Detlev Buck!) sind absolute Profis ihres Handwerks, die Jungs von ThommTV mischen seit Jahrzenten Dokumentar- und Spielfilme, als Leib- und Magenberater habe ich mit Jens Rasmus Nielsen einen erfahrenen Aimationsprofi mit der Fähigkeit der Reflexion finden dürfen und mit Lutz Stützner von Animated Cartoons, die für uns Professor Eisenstein animiert haben, durften wir von dem Mann lernen, der als Allerletzter den Schlüssel zu den DEFA-Animationsstudios in Dresden abgeben musste (ein paar Lichttische hat er aber behalten).

Natürlich wäre es sehr hilfreich gewesen, auch in der Finanzierung und im Verleih ausser der MDM auch noch mehr solcher gestandenen Leute wie in der Produktion dabei zu haben. Aber dazu ist die Filmindustrie zu sehr auf kurzfristigen Erfolg und den Erhalt ihrer Förderwürdigkeit geeicht, als dass man jemanden findet, der risikobereit genug gewesen wäre, in einen neuen Charakter und neue Stories zu investieren und dafür seine Karriere oder den Ruf seiner Firma aufs Spiel zu setzen. Dann schon lieber auf Sicherheit und die alten Kamellen neu aufgelegt mit dem neuen technischen Schnickschnack: 3D, 4D, 5D und so.

Letztlich ist aber auch das okay. Ausser uns kenne ich niemanden, der in diesem Biz so viel eigenes Kapital und eigene Arbeitskraft in ein Projekt gesteckt und es dann obendrein auch noch zu einem glücklichen Ende gebracht hat. Da klopfe ich uns täglich mehrfach auf die Schultern.

Andererseits hoffe ich, dass das auch Schule macht und die anderen Trickfilmer – oder in welchem Fach auch immer die Leute schöpferisch tätig sein mögen – die Pobacken zusammenkneifen und aus dem Schattendasein der Konjuktivwelt treten und ihre Vision bis zum bitteren Ende durchziehen.

Ein Mann soll einen Comic zeichnen, einen Trickfilm produzieren und eine Band gründen. Du hast das alles geschafft. Was kommt als nächstes?

Der nächste Comic und der nächste Trickfilm ... Nur mit den Bands bin ich definitiv durch ... obwohl: Scoring und Filmmusik werde ich wohl nicht sein lassen können.

Im angehenden neuen Jahrzehnt bin ich mit dem Glücklichen Montag neben dem Tagesgeschäft von Studio und Agentur an der Graphic Novel »Seelenfresser« dran, die der eigentliche Ursprung für den ersten Schweinevogel-Trickfilm war, da Schweinevogel darin der Lieblingsheld der Protagonistin ist und die »Es lebe der Fortschritt!«-Geschichte einen Überbau zum Plot des »Seelenfressers« bildet. (Tatsächlich wurde die von Buck gesprochene Figur des Maulwurfs Herr Mauli nur in Hinblick darauf entwickelt). Der Rest der Geschichte ist jedoch in einem realistischeren Stil angelegt und sehr viel dunkler, mieser und verdammt näher an der bundesdeutschen Realität als die pinkfarbende Welt von Schweinevogel und Iron Doof.

Im Schweiniverum gibt es Ende diesen Jahres eine albumlange Schweinevogel-Geschichte, die mein geschätzter Freund und Kollege Jan Suski zeichnet und die ich in meinem Hass auf unsere Hauptstadt Berlin geschrieben habe.

Davor erscheinen die regelmässigen Hefte # 3 »Wagner á la Doof« mit Ausflügen in die Welt der Hochkultur zwischen Richard Wagner, Beethoven und Wilhelm Buch und # 4 mit den gesammelten Strips, die jeden Sonntag auf www.l-iz.de erscheinen.
Im September erscheint mit dem »Total-O-Rama« ein 500-Seiten-Wälzer, in dem alle Schweinevogel-Comics von 1987 bis 2007 abgedruckt sind - eine echte Sisiphosarbeit.

Naja, und dann gibts ja noch den Witz der Woche und die wöchentlichen Panels der Hossa-Stripreihe auf www.fanclubalex.de. Das Jahr ist mit den ganzen Signierstunden von Leipziger Buchmesse über Erlangen bis zum Comicfest, der 3. Schweinevogel Schnitzeljagd, dem Paul-Fröhlich-Cup und all dem anderen also eigentlich schon ziemlich voll.

Daneben haben wir noch ein paar Kurzfilmprojekte in der Mache, die gerade in der Preproduction sind.

Iron Doof sagt immer: »Wen Gott bei der Arbeit sieht, dem gibt er ständig neue!«

(Abbildungen o: »Schweinevogel – Es lebe der Fortschritt«, u: »Seelenfresser«)

www.schweinevogel.de

Der Soundtrack: www.youtube.com/watch?v=qm_OtVprjlk

Der Trailer: www.youtube.com/watch?v=hbc_isU_pv0